25.12.22 Cape Maclear

Nein, ich fühle mich hier nicht wirklich wohl. Die Sicht auf den See ist phantastisch. Das Improvisierte an der Lodge ist okay, aber es fehlen ein paar liebevolle Details. Am Strand liegt viel Müll und vor allem wird man von den Einheimischen bedrängt und indirekt angebettelt, auch direkt. Der Sand ist scharfkantig, dass man barfuss nicht gut und gern darüberläuft. Außerdem endet der Strand nach einem Kilometer an dem Zaun einer Lodge – kein Weiterkommen zu den Klippen. Gestern wurde hinter meinem Zimmer noch bis fast in den Morgen hinein gefeiert – lautstark, Discomusik – irgendein Schrott. Als ich abends noch einmal hinlief, sah ich irgendwo in einem Saal, aus dem die Musik kam, farbige Lichter aufleuchten. Vor dem Saal standen gefühlt alle Kinder und Jugendlichen des Ortes, die nicht da rein durften. Ich wollte da nicht rein. Es wirkte nicht interessant, nicht einladend. Ich ging nochmal die „Hauptstraße“ ab, um Kleingeld für die Kollekte in der Kirche zu haben. Dazu kaufte ich mir einen Lutscher, der dann beim Buchlesen unterm Moskitonetz garnicht so schlecht war – einfach Karamel. Ich schlief später trotz des Lärms ein und wenn ich kurz wach wurde, war ich auch gleich wieder weg.
Heute morgen gab es erst acht Uhr Frühstück, die Einheimischen mussten wohl ausnüchtern. Ich wollte neun Uhr an der Kirche sein, reichlich zwei Kilometer zu Fuss. Das hatte dann alles doch noch geklappt. Der Regen hat kurz nach sieben aufgehört, als es eigentlich schon Frühstück geben sollte. Ich unterhielt mich solange mit einem Schotten aus Glasgow, der eine schwarze Frau hat und hier Wohltätigkeitsprojekte betreibt.
Neun Uhr war ich an der schäbigen Kirche angekommen. Die Bänke waren gemauert und glatt betoniert – das wirkte eher wie ein Viehstall. Das Wellblechdach hatte viele Löcher. Der Pfarrer verschwand regelrecht hinter einem riesigen Rednerpult – Altar würde ich das nicht nennen, zumal er dahinter saß, solange er nicht sprach. Rechts und links im Altarraum an den Wänden saßen wahrscheinlich die Kirchenvorsteher oder sowas. Links vorn war ein Tisch mit einer dicken wichtigen Laptoptasche drauf, hinter dem ein älterer Herr im Anzug saß. Ich war der einzige Weiße. Rechts saßen die Frauen, links die Männer und in der Mitte vielleicht die Unverheirateten? Alle trugen Sonntagsstaat: saubere Kleider oder die Männer auch teilweise Anzüge. Wie erwartet wurde viel gesungen. Erst Kinder und Jugendliche, was etwas schräg und gezwungen klang. Später erhoben sich überall einzelne Frauen in den Bänken und gingen nach vorn. Viele hatten die gleichen Kleider an. Die erste Gruppe sang und bewegte sich rhythmisch dazu. Als sie zurück an ihren Plätzen waren, erhoben sich die Frauen der zweiten Gruppe und gingen auch nach vorn, schon beim Aufstehen singend. Es kamen zwei weitere Gruppen. Zwei Lieder wurden nach Gesangbuch gesungen – wie bei uns mit angezeigter Nummer. Der Pfarrer war dran. Ein Gemeindemitglied hatte sich zu mir gesetzt – im recht edlen Anzug mit rotem Hemd. Er sagte mir immer mal bisschen, worum es gerade geht. Später standen alle reihenweise auf und warfen Geld in vorm Altar stehende Plastikeimer. Mein Banknachbar sagte mir, dass ich jetzt als Gast begrüßt werde und nach vorn gehen muss, um mich vorzustellen. Ich konnte mich nicht herauswinden. Also trabte ich nach vorn, sagte meinen Namen und das ich aus Deutschland komme und ein paar von Herzen kommende nette Worte über Malawi und die netten Menschen hier und dass ich dieses Land sehr mag. Ich hatte die Bühne dann einfach verlassen – ein kleiner Fauxpas, weil der Pfarrer noch mit mir reden wollte – alle lachten und raunten. Mein Nachbar klärte mich auf und der Pfarrer stellte mir noch kurz ein zwei Fragen. Es gab noch ein Lied und der wichtige Herr hinter der wichtigen Tasche verlas wahrscheinlich, wofür das Geld der letzten Kollekte ausgegeben wurde. Es fielen ein paar Zahlen und englische Wortfragmente. Nach einer Stunde war der Gottesdienst vorbei – ohne Trommeln, ohne Weihnachtsromantik, ohne große Spiritualität. Ich lief wieder zu meiner Lodge, legte mich mit einem Buch auf die Liege in die Sonne und las oder hackte auf dem Smartphone rum. Mittags gab es einen Burger, zwei Bier. Ein kurzes Nickerchen, weiteres Lesen und dann machte ich noch den kurzen Strandspaziergang. Wieder lesen und meinen Plan für die nächsten anderthalb Wochen machen, weil ja nun wegen der Fährverbindungen nichts aus dem Inseltrip wird.
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| Faulenzen und Lesen ... |
Ich verschwand beizeiten im Bett – auch wenn es im Dorf immer noch laut und sehr belebt zuging – vor allem hinter den Lodges. Einige Kids knallten mit kleinen Feuerwerkskörpern. Ich konnte dennoch gut schlafen.
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| Strandspaziergang |
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| Strandspaziergang |


